Sehr geehrte Damen und Herren,
allergische Erkrankungen gehören zu den häufigsten chronischen Erkrankungen in Deutschland. Nach Daten des Robert Koch-Instituts (Studie DEGS1) ist nahezu jeder dritte Erwachsene im Laufe seines Lebens von einer allergischen Erkrankung betroffen – Tendenz steigend. Die Bandbreite reicht von saisonalem Heuschnupfen über ganzjährige Beschwerden durch Hausstaubmilben bis hin zu Nahrungsmittelunverträglichkeiten und allergischem Asthma.
Besonders tückisch: Viele Betroffene wissen gar nicht, dass sie eine erhöhte allergische Bereitschaft haben. Symptome wie häufiges Niesen, eine laufende Nase in bestimmten Jahreszeiten, juckende Augen oder wiederkehrende Hautreizungen werden oft über Jahre als harmlose Erkältungen oder als „normal“ abgetan. Dabei hat die moderne Labormedizin heute Möglichkeiten, die allergische Veranlagung eines Menschen schnell, zuverlässig und mit einer einzigen Blutentnahme zu erfassen.
Mit diesem Schreiben möchten wir Ihnen einen Überblick geben, welche diagnostischen Möglichkeiten es heute gibt und was eine Blutuntersuchung auf Allergien aussagen kann – und was nicht.
Was ist Immunglobulin E (IgE) – und welche Rolle spielt es?
Im Zentrum der modernen Allergiediagnostik steht das Immunglobulin E (IgE). IgE ist ein Antikörper, der vom Immunsystem gebildet wird und bei allergischen Reaktionen vom Soforttyp (Typ-I-Allergie) die zentrale Rolle spielt. Bei Menschen mit allergischer Veranlagung produziert das Immunsystem IgE-Antikörper gegen eigentlich harmlose Substanzen aus der Umwelt – etwa Pollen, Hausstaubmilbenkot, Tierhaare oder bestimmte Nahrungsmitteleiweiße.
Diese IgE-Antikörper binden an sogenannte Mastzellen, die in Haut und Schleimhäuten sitzen. Bei erneutem Kontakt mit dem Allergen kommt es zur Verknüpfung der gebundenen IgE-Moleküle, die Mastzelle „platzt“ und schüttet Histamin und andere Entzündungsstoffe aus. Die Folge sind die typischen Allergiesymptome: Niesen, Juckreiz, Schwellung der Schleimhäute, tränende Augen, Hautausschlag oder – im schlimmsten Fall – Atemnot und anaphylaktischer Schock.
Das Entscheidende: IgE lässt sich im Blut messen. Damit kann man sowohl die generelle allergische Bereitschaft eines Menschen als auch die spezifische Sensibilisierung gegen einzelne Allergene objektiv bestimmen – ohne Hauttest, ohne Provokation, einfach über eine venöse Blutentnahme.
Welche Bluttests stehen heute zur Verfügung?
Die moderne Labordiagnostik bietet ein abgestuftes System, das von einfachen Suchtests bis hin zur hochspezifischen Einzelallergen-Analyse reicht:
| Untersuchung | Was wird bestimmt und was sagt es aus? |
| Gesamt-IgE | Misst die Gesamtkonzentration aller IgE-Antikörper im Blut. Der Normalwert bei Erwachsenen liegt unter ca. 100 kU/l. Ein erhöhter Wert deutet auf eine generelle allergische Bereitschaft (atopische Disposition) hin. Allerdings ist das Gesamt-IgE unspezifisch – es kann auch bei Rauchern, Parasiteninfektionen oder bestimmten Immunerkrankungen erhöht sein. Es eignet sich daher als Orientierungsparameter, nicht als alleiniger Beweis für eine Allergie. |
| Phadiatop® (sx1) | Ein Suchtest (Screening), der in einem einzigen Ansatz prüft, ob IgE-Antikörper gegen die häufigsten Inhalationsallergene vorliegen: Gräserpollen, Baumpollen (Birke, Erle, Hasel), Hausstaubmilbe, Katzen- und Hundeschuppen sowie Schimmelpilze. Das Ergebnis ist positiv oder negativ. Ein positiver Phadiatop beweist, dass mindestens eine Sensibilisierung gegen Atemwegsallergene besteht – welche genau, zeigt erst die Einzelallergen-Bestimmung. |
| Nahrungsmittel-Screening (fx5) | Analoger Suchtest für die sechs häufigsten Nahrungsmittelallergene: Hühnerei, Kuhmilch, Fisch, Weizen, Erdnuss und Soja. Auch hier: positiv bedeutet Sensibilisierung gegen mindestens eines dieser Allergene. Wichtig zu wissen: Eine Sensibilisierung ist nicht gleichbedeutend mit einer klinisch relevanten Allergie – manche Menschen haben IgE-Antikörper, vertragen das Nahrungsmittel aber problemlos. |
| Spezifisches IgE (Einzelallergene) | Die gezielte Bestimmung von IgE-Antikörpern gegen einzelne, definierte Allergene – z. B. Birkenpollen (t3), Gräser (g6), Hausstaubmilbe (d1), Katze (e1), Alternaria (m6) und viele weitere. Die Messung erfolgt heute mittels ImmunoCAP-Technologie und wird quantitativ in kUA/l angegeben. Ab einem Wert von ≥ 0,35 kUA/l gilt eine Sensibilisierung als nachgewiesen. Damit lässt sich exakt bestimmen, welche Allergene für die Beschwerden verantwortlich sein könnten. |
| Differenzialblutbild (Eosinophile) | Die eosinophilen Granulozyten sind weiße Blutkörperchen, die bei allergischen Entzündungen und Parasiteninfektionen vermehrt auftreten. Normalwert: < 5 % bzw. < 500/µl. Eine Eosinophilie kann ein begleitender Hinweis auf ein aktives allergisches Geschehen sein und ergänzt die IgE-Diagnostik. |
| ECP (Eosinophiles Kationisches Protein) | Ein Aktivierungsmarker, der anzeigt, wie stark die eosinophilen Zellen gerade „arbeiten“. Erhöhte ECP-Werte sprechen für eine aktuell aktive allergische Entzündung, z. B. bei allergischem Asthma oder allergischer Rhinitis. Wird vor allem zur Verlaufsbeurteilung und Therapiekontrolle eingesetzt. |
| Tryptase | Ein Marker für die Mastzellaktivierung. Wird vor allem bei Verdacht auf schwere allergische Reaktionen (Anaphylaxie) oder zur Abklärung einer Mastozytose bestimmt. Im Kontext der Allergiediagnostik dient die basale Tryptase als Risikomarker – erhöhte Basalwerte sprechen für ein erhöhtes Anaphylaxierisiko, insbesondere bei Insektengiftallergikern. |
Was kann die Blutuntersuchung – und was nicht?
Die IgE-basierte Blutuntersuchung ist ein leistungsstarkes Werkzeug der modernen Allergiediagnostik. Sie ermöglicht es, eine allergische Veranlagung objektiv zu erfassen und die auslösenden Allergene zu identifizieren – und das mit einer einfachen Blutentnahme, ohne den Patienten einem Allergen auszusetzen (wie beim Pricktest).
Dennoch ist es wichtig, die Grenzen zu kennen:
- Sensibilisierung ≠ Allergie: Ein positiver IgE-Befund zeigt, dass das Immunsystem Antikörper gegen ein bestimmtes Allergen gebildet hat (Sensibilisierung). Das bedeutet aber nicht zwingend, dass der Betroffene auch klinische Beschwerden hat. Umgekehrt kann bei niedrigen IgE-Werten dennoch eine klinisch relevante Allergie bestehen. Die Befundinterpretation erfordert daher immer die Zusammenschau mit der Symptomatik und der Anamnese.
- Keine Aussage über Spättyp-Allergien: Die IgE-Diagnostik erfasst ausschließlich Soforttyp-Allergien (Typ I). Kontaktallergien (z. B. Nickelallergie, Typ IV) oder bestimmte Arzneimittelunverträglichkeiten werden damit nicht abgebildet. Hierfür sind andere Testverfahren erforderlich (z. B. Epikutantest, Lymphozytentransformationstest).
- Kein Ersatz für den Allergologen: Die Blutuntersuchung ist ein hervorragendes Screening- und Orientierungsinstrument. Bei auffälligen Befunden sollte jedoch stets eine weiterführende allergologische Abklärung erfolgen – idealerweise beim Facharzt für Allergologie, der die Ergebnisse im klinischen Gesamtbild bewerten und eine gezielte Therapie einleiten kann.
Warum ist Früherkennung so wichtig?
Bei allergischen Erkrankungen gilt ein Grundsatz besonders: Je früher erkannt, desto besser behandelbar. Unbehandelte allergische Rhinitis geht in etwa 30–40 % der Fälle im Verlauf von Jahren in ein allergisches Asthma über – den sogenannten „Etagenwechsel“ von den oberen zu den unteren Atemwegen. Dieser Prozess ist schleichend und wird von den Betroffenen oft nicht bemerkt, bis die Lungenfunktion bereits eingeschränkt ist.
Wer hingegen frühzeitig weiß, dass eine Sensibilisierung besteht, kann gezielt gegensteuern. Die Möglichkeiten reichen von einfacher Allergenkarenz (Vermeidung des Auslösers) über eine gezielte medikamentöse Therapie (Antihistaminika, topische Kortikoide) bis hin zur spezifischen Immuntherapie (Hyposensibilisierung) – der einzigen kausalen Behandlung, die den natürlichen Verlauf der Allergie tatsächlich verändern kann. Studien zeigen, dass eine rechtzeitig begonnene Immuntherapie das Risiko eines Etagenwechsels signifikant reduziert.
Auch im beruflichen Kontext spielt die Früherkennung eine Rolle: Unbehandelte Allergien führen nachweislich zu verminderter Konzentration und Leistungsfähigkeit (sogenannter Präsentismus), erhöhten Fehlzeiten und einer eingeschränkten Lebensqualität. Ein einfaches Allergie-Screening kann hier einen wichtigen Beitrag zur Prävention leisten.
Wie läuft ein solches Allergie-Screening praktisch ab?
Ein Allergie-Screening über die Blutuntersuchung ist für den Teilnehmer denkbar unkompliziert. Der gesamte Vorgang dauert nur wenige Minuten und umfasst im Wesentlichen drei Schritte:
- Anamnese: Ein kurzer Fragebogen erfasst, ob bereits Allergiesymptome bekannt sind, ob Heuschnupfen, Asthma oder Neurodermitis in der Familie vorkommen und ob aktuell Medikamente eingenommen werden. Diese Informationen sind für die spätere Befundinterpretation wesentlich.
- Blutentnahme: Eine einfache venöse Blutentnahme – ein Serum-Röhrchen und ein EDTA-Röhrchen genügen. Die Proben werden an ein spezialisiertes Labor versandt.
- Befundbesprechung: Innerhalb von 3–5 Werktagen liegen die Ergebnisse vor. Jeder Teilnehmer erhält einen verständlich formulierten Befundbrief mit einer Einordnung der Werte und – bei auffälligen Ergebnissen – konkreten Empfehlungen für das weitere Vorgehen.
Wichtig zu wissen: Ein solches Screening ist immer freiwillig und unterliegt vollständig der ärztlichen Schweigepflicht. Die Ergebnisse werden ausschließlich dem Teilnehmer persönlich mitgeteilt. Weder der Arbeitgeber noch Dritte erhalten Einblick in individuelle Befunde. Die Datenverarbeitung erfolgt gemäß DSGVO auf Basis der ausdrücklichen Einwilligung des Teilnehmers.
Zusammenfassung
Die moderne IgE-basierte Allergiediagnostik ermöglicht es heute, mit einer einfachen Blutentnahme ein umfassendes Bild der individuellen allergischen Veranlagung zu gewinnen. Vom breiten Screening-Test bis zur hochspezifischen Einzelallergen-Analyse stehen abgestufte Verfahren zur Verfügung, die eine frühzeitige Erkennung und damit eine rechtzeitige Prävention und Behandlung ermöglichen.
Als Ihr betreuender Betriebsarzt stehe ich Ihnen für Rückfragen zu diesem Thema jederzeit gerne zur Verfügung – sei es im Rahmen der regulären arbeitsmedizinischen Betreuung, bei der Planung eines Gesundheitstages oder bei individuellen Anliegen Ihrer Mitarbeitenden.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. med. Walter Russ
Facharzt für Arbeitsmedizin
Betriebsarztpraxis Dr. med. Walter Russ, Landshut